Donnerstag, 1. Februar 2018

Ein Kind also

„Tut mir leid, Mara, aber manchmal benimmst du dich eben wie ein Kind und ich behandele Leute so, wie sie sich verhalten.“
Und damit ist die kurze „Aussprache“ anscheinend vorbei. Ich verlasse wortlos die Küche und verziehe mich in meinem Zimmer, wo ich wie ein verletztes Tier am Fenster sitze. Nicht verängstigt, sondern wütend, wie eine Raubkatze, die nach dem ersten Hieb erst recht die Zähne fletscht.
Ein Kind? Und wer gibt dir das Recht, so etwas zu behaupten? Wie kommst du auf die Idee, mich bevormunden zu wollen? Mir egal, was du denkst, aber ich bin nicht dein Kind, also kümmer dich doch um deine eigenen Probleme, statt mich erziehen zu wollen; wenn das deine Technik ist, dann bist du gerade gegen eine Wand gelaufen.

Sturheit kann man mir wohl wirklich vorwerfen – obwohl ich viel darüber nachgedacht habe. Ohne mich wirklich zu ändern, weil ich das nicht mache, wenn mich jemand eine Minute lang anrotzt, statt mir zu erklären, was ihn oder sie stört. Aber über das Problem habe ich mir Gedanken gemacht. Kindisch? Letzten Juni, als ich achtzehn war, gerade ein Jahr volljährig. Offiziell alt genug, um meine eigenen Entscheidungen zu treffen, drei Monate, bevor ich mich ganz allein in ein neues Land wagen wollte, während ich mich in den letzten Semestern durch die Winkel Berlins geschlichen habe. Aber wenn es um Finanzen geht, rufe ich Papa an. Und Mama korrigiert meine Hausarbeiten. Vor ein paar Tagen hat mich jemand, höchsten zwei Jahre älter, als „woman“ bezeichnet und ich bin zusammengezuckt – nicht nur, weil er langsam wissen könnte, wie ich heiße, sondern auch, weil ich mich noch gar nicht so alt fühle.

Ab wann fühlt man sich wohl erwachsen? Es stimmt schon, ich habe meistens eher das Gefühl, dass ich nur durch diese Welt stolpere, zufällig meine Prüfungen bestehe, glücklicherweise ein Zimmer finde und aus heiterem Himmel plötzlich in einer Beziehung lande. Wenn ich mich dazu überwinde, einer neuen Society beizutreten oder allein feiern zu gehen, dann mache ich das nicht mit selbstverständlicher Sicherheit, sondern zaghaft, mit weit geöffnet Augen, jedes Detail aufsaugend. Kann es erst nicht fassen, dass ich das wirklich tue, dass es so viele Möglichkeiten gibt und ich einfach aufstehe und sie ergreife. Dass ich nicht mehr in meiner kleinen Heimatstadt bin, in der sich seit Jahren nichts verändert hat, sondern in der großen weiten Welt, auf mich allein gestellt. Niemand, der mir meine Entscheidungen abnimmt, niemand, der mir sagen kann, wie die Zukunft aussehen wird und wohin ich meine Schritte lenken soll. Aber ich tue es ja. Gehe auf die Leute zu und wir turnen zwischen den Gebäuden herum, und ich weiß, dass ich nur Musik brauche, um bis zum Morgengrauen durchzuhalten und im Zweifelsfall … ich könnte einfach auf jemanden zugehen. So einfach.

Und das klingt für viele vielleicht nicht erwachsen, aber wenn ich zurücksehe auf das Mädchen, das ich früher war, dann fühlt es sich so an. Ich bin nicht mehr in meinem Schultrott, halte mich fern von Menschen, die ich sowieso nicht mag und treffe mich lieber mit denen, mit denen ich in stundenlangen Gesprächen versinken kann. Ich bin nicht mehr so verschüchtert, ängstlich, befangen. Ich kann in den Spiegel schauen und lächeln.
Aber sie ist noch da. Ich bin noch da. Ein bisschen anders als vor drei Jahren, mit vielen neuen Erfahrungen, Ideen, Freunden, aber es ist das gleiche Mädchen, das durch diese Welt geht.

Ein Kind. Ja. Das stimmt. Ich habe wirklich darüber nachgedacht und weiß, dass das für mich nichts Schlechtes bedeutet, auch wenn du es so gemeint hast. Ich werde weiter mit einem Staunen im Blick leben; vielleicht naiv sein, aber mir alles erklären lassen, was ich noch nicht verstehe; vielleicht stolpern und mir die Kniee blutig schlagen, aber mir die gefährliche Stufe merken; und ganz sicher werde ich meine Freude am Leben behalten, wie ein Kind, das jeden Tag etwas Neues entdeckt. Das weint und drei Sekunden später wieder lacht. Einfach glücklich ohne einen besonderen Grund, weil das Leben wunderbar ist. Genauso will ich sein.




And if you run like a child and act like a child,
Honestly, what's there to worry about?

Oh, you got to get up,
You got to be running wild,
‘Cause it's a good morning,
Oh, it's a good morning.

Kommentare:

  1. Hallö.
    Ich kenne zwar den Kontext nicht, wieso weshalb warum das gesagt wurde.
    Aber im Prinzip stimme ich dir zu.
    Zumal auch zu klären wäre, was kindisch sein eigentlich bedeutet und warum das per se etwas negatives ist.
    Denn so wie du das siehst und sein möchtest, bin ich total bei dir.

    Mehr zu dem Thema in einer Mail.

    Guck an, du hast dein Mörchenschloss gefunden^^

    Liebe Grüße,
    Silver

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    1. Irgendwie gibt's ja auch so einen Unterschied zwischen kindisch und kindlich, letzteres klingt noch ein bisschen positiver und daran orientiere ich mich dann mal. Mein erstes Mal alleine feiern war zumindest super lustig und die neue Society liebe ich, kann also nicht so falsch sein. Und ich hoffe, die Mail kommt dann demnächst mal, ich hab schon ein angefangenes Word-Dokument. :D

      Jaaaa! Ich wäre am liebsten direkt eingezogen, aber ich glaube, mein Französisch reicht nicht und außerdem sind mir da zu viele Touris rumgelaufen, ich brauche schon ein bisschen Privatsphäre. Was soll man machen?

      Alles Liebe und bis bald,
      Mara

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