Sonntag, 24. September 2017

Kein Heimweh

Noch habe ich kein Heimweh. Ich sitze in meinem kleinen Zimmerchen, das mir schon so vertraut ist, höre die gleiche melancholische Indie-Musik wie immer und draußen miaut die fremde Katze, die immer um Futter bettelt, weil mein Mitbewohner sie manchmal füttert. Für ein paar Minuten lasse ich sie in mein Zimmer und sie rollt sich schnurrend in meinem Schoß zusammen, ehe ich sie wieder vor die Tür setzen muss. Wahrscheinlich keine gute Idee, aber doch die richtige Wahl in diesem Moment.

Ich fühle mich wohl hier, aber ich bin erschöpft. Seit eineinhalb Wochen lebe ich inzwischen in Birmingham, und ich gewöhne mich an die fremden Supermärkte, an die verwirrend großen two pence-Münzen und das wechselhafte Wetter. Nicht ganz an die Sprache; niemand erwartet astreines Englisch von mir, aber es stört mich, dass ich manchmal so unbeholfen klinge oder vergesse, was Gummistiefel heißt oder Deckel. Ich merke, dass ich fremd bin, denn weder in der Schule noch an der Uni lernt man, wie die Menschen tatsächlich reden und manchmal kommt mir das alles so künstlich vor, als wären meine Worte nur ein Konstrukt, das möglich echt klingen soll.

Ich stelle mich immer mit meinem zweiten Namen vor – plötzlich bin ich nicht mehr Mara und das ist verwirrend und spannend zugleich. Ich habe so viele Leute kennengelernt und obwohl ich froh darüber bin, macht es mich müde. So viel reden, erzählen und zuhören, alles auf Englisch, viel zu viel Ale und Shots und laute Musik, bis ich nur noch vorgebe, deine Worte zu verstehen und dich reden lasse und kommentiere, falls ich doch mal einen Fetzen mitbekomme. Oder auf den Floor gehe und mich zwinge, zu tanzen, obwohl die Musik viel zu langsam ist für mich und ich trotz Vorglühen und drei weiteren Shots nicht betrunken genug bin und ja, ich will tanzen, genau das tue ich doch schon, aber nicht mit dir und bitte schau mich nicht so an und vor allem fass mich nicht an.

Ich brauche wirklich eine Pause. Einen Tag für mich. Kein Wandern in der Gruppe, kein Fahrradfahren in diesen seltsamen Hügeln, sondern ein Spaziergang, hoffentlich mit trockenen Füßen und meiner Musik und keinen Menschen. Ruhe, um das alles zu realisieren, um neue Gedanken zu sammeln und mich darauf einzustellen, dass ich ab morgen in eine fremde Uni muss und ein Vorsingen habe. Ruhe, um mich wieder darauf freuen zu können, neue Leute kennenzulernen, vielleicht in dem Gender-Seminar oder beim Disney-Karaoke, oder sogar beim Tanzen, wenn die Musik besser ist und ich nüchtern bin. Ruhe, um nach all der Hektik wieder zu mir zurückzufinden und Kraft zu sammeln, um aus diesen neun Monaten das Beste zu machen.

Denn ich habe immer noch kein Heimweh. Ich bin neugierig.



(Für einsame Tage gibt es in Birmingham einen wundervollen botanischen Garten,


den ich mit meiner selbst zusammengebastelten Analogkamera erkundet habe,


und meine alte Heimat habe ich für den Notfall ohnehin dabei.)

Kommentare:

  1. Hey Mara,
    hat dich deine Reise also nun nach Birmingham geführt? Wie kommst du zu deinem neuen Zuhause, per WG-Casting oder ähnlichem?
    Ich weile jetzt schon seit über einem Monat in Schottland und bei einigem, was du geschrieben hast, geht es mir genauso.Angefangen bei dem unlogischen Münzsystem über den struggle, das Wort für Deckel oder Lappen nicht zu kennen bis hinzu dem Leben inmitten von Menschen 24/7. Was sehr schön ist aber, wie du auch schreibst, auch sehr müde macht.
    Ich hatte bisher eigentlich auch nur ein zwei Momente, in denen ich mir sehnlichst gewünscht hätte, Zuhause zu sein und meiner besten Freundin oder meinem Bruder nicht nur ein Winken über einen maximal verpixelten Bildschirm zuzuwerfen - aber ging dann auch wieder schnell vorbei. Es freut mich sehr, dass du bisher kein Heimweh hast. Und ich denke, wenn der Moment dann mal kommen sollte, wirst du in der Lage sein, damit klar zu kommen.
    Ich bin ein bisschen zu spät dran, um dir einen guten ersten Unitag zu wünschen, aber ich hoffe von Herzen, dass deine erste Woche gut aus war, du dein Vorsingen mit Bravour gemeistert hast und du, wenn du diesen Kommentar liest, eine gute Tasse Tee (möglichst Apfel-Zimt) in der Hand und ein weiches Kissen im Nacken, gute Musik im Ohr und gute Laune im Herzen hast. Alles Liebe!

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    1. Hey Cho,
      im Internet gab es ziemlich viele Angebote, meistens wählen hier gar nicht die WGs, sondern die Hausbesitzer aus. Sowieso komisch, plötzlich in einem Haus zu leben und nicht mehr in einer Wohnung mit unglaublich vielen Nachbarn im Treppenhaus.
      Oh, was machst du in Schottland? Da wollte ich unbedingt ein paar Mal hin, wo ich schon mal hier bin, vielleicht ein Ausflug in die Highlands und nach Edinburgh. Ich wollte gerade bei dir vorbeischauen, aber ich kann gar nicht mehr auf den Blog zugreifen - ich hoffe auf jeden Fall, du hast eine schöne Zeit!
      Ich hoffe mal. Ich fliege über Weihnachen sowieso nach Hause, das sind ja inzwischen nur noch gut zwei Monate, ehe ich sowieso erstmal alle wiedersehen kann und das macht es auch einfacher. 9 Monate am Stück wären da schwieriger.
      Pfefferminztee, Kissen und gute Laune hab ich, der Rest kommt bestimmt den Tag über noch. Ich hoffe, dir geht's auch fabelhaft - um den Tee kommt man ja hier eh nicht herum, auf dass du Apfel-Zimt gefunden hast und nicht auf den klassischen Breakfast tea zurückgreifen musstest.
      Alles Liebe, Mara

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    2. Ich mache einen internationalen Freiwilligendienst, also im Prinzip ein FSJ in einem sogenannten Camphill - das ist eine von vielen Einrichtungen für Behinderte, wo ich auch lebe und eben arbeite, zusammen mit vielen anderen Freiwilligen :)
      Ja, ich habe beschlossen, meinem Blog eine Pause auf unbestimmte Zeit zu gönnen - war irgendwie mal Zeit.
      Das freut mich - vielen Dank!
      Alles Liebe, Cho

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    3. Das klingt wunderbar, ich wünsche dir eine fabelhafte Zeit! (Ich sehe gerade, hab ich oben schon. Egal, nochmal.) Meine Schwester hat vor ein paar Jahren in Deutschland in einem Betreuten Wohnen mit Behinderten gearbeitet, ich weiß nicht, ob das ähnlich ist, aber für sie war es eine wunderbare Erfahrung - ich hoffe, für dich wird das genauso.
      Verstehe ich, bei mir war's ja auch eher still ... Ich hoffe, trotzdem immer mal wieder von dir zu lesen!
      Alles Liebe, Mara

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  2. Hallö.
    Irgendwie ist mir dein Post hier entgangen. Du wolltest nicht, dass ich den lese, hmmm? Hat nicht geklappt.
    Ach ja, das klingt schön und anstrengend zugleich. Ich kann dich sehr gut verstehen, dass alles ein wenig viel ist und dein Bedürfnis nach Ruhe um alles erstmal sacken zu lassen.
    Aber es wird sicher schnell besser und ehe du dich versiehst, sind neun Monate rum und du vermisst all die nicht mehr neuen sondern vertrauten Leute und die seltsamen Hügel und die viel zu langsame Musik.
    Und dann überlegst du vielleicht, wie nochmal dieses grüne Gemüse heißt, auf das man immer verzichten kann wenn man einkaufen geht....obwohl der Vergleich jetzt hinkt weil 'Zucchini' irgendwie gar nicht deutsch ist.
    Dann überlegst du eben wie noch gleich Tomate heißt. Manchmal wundert man sich wirklich, wie schnell man sich an neue Dinge gewöhnt, ohne das man merkt, wie man sich daran gewöhnt hat.

    Der Birmingham'sche Botanikgarten sieht aus wie der eine Weg wenn man zur Elbe runtergeht. Strange.

    Solange du die grundlegenden und überlebenswichtigen Sätze kannst (weißt schon, einmal Pizza mit ordentlich viel Käse, was kostet hier Wodka-Cola, wo sind die Toiletten, verpiss dich und deine Adresse, die du auch noch volltrunken dem Taxifahrer zulallen kannst)..ist alles im grünen Bereich.
    Und wenn doch alle Stricke reißen, hast du zur Not ja das tolle Schild^^ Stellst dich einfach an die Straße, irgendwer fährt immer nach Berlin.

    ...
    mir fällt auch nach zwanzig Minuten nicht ein, was Gummistiefel oder Deckel heißt..wozu muss man das wissen?
    Die wichtigen Sätze stehen doch da oben.

    Und warum genau sind die Hügel seltsam? Das interessiert ich wirklich.


    Ich wünsche dir alles Liebe, viel Spaß noch da drüben.

    Viele Grüße,
    Silver:)

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    1. Was wäre ein Post auf diesem Blog ohne Silver-Kommentar?

      Das Bedürfnis, mal allein zu Hause zu sein, habe ich immer noch, das fällt mir gerade im Vergleich mit meinem supersozialen Mitbewohner auf, obwohl inzwischen schon die dritte Uni-Woche angefangen hat – ich bin seit einem Monat hier! Unglaublich. Wahrscheinlich vergehen die 9 Monate wirklich ziemlich schnell.
      Auch, wenn ich das mit den Hügel bezweifele (und wie kannst du als Hamburgerin nicht verstehen, warum die seltsam sind? Ich mag Flachland, ein Hoch auf das Norddeutsche Tiefland, wo man wenigstens ordentlich Fahrrad fahren kann), aber ein paar Leute schließe ich schon ins Herz. Und ich finde ganz bestimmt gute Musik. Morgen gehe ich eher spontan zu einem Konzert von Amber Run und Seafret – zwei tolle Bands auf einmal für wenig Geld, wie viel Glück kann man haben? Langsam, aber ein gutes Langsam.
      Zucchini ist super seltsam, die nennen das hier anders. Courgette, und ich gebe zu, das habe ich gerade nachgeschaut. Aber ich glaube, Zucchini verstehen sie auch. Und Tomate ist ja zum Glück sehr ähnlich, das schaffe ich – aber manchmal fühle ich mich echt wie Lisa, 18, Work & Travel in Australien, die aus Versehen englische Worte einbaut, nur den hübschen Akzent habe ich noch nicht.

      Echt? Muss schön sein, da an der Elbe. Hinter den ganzen Büschen waren so ganz niedliche Bächlein und man konnte von Stein zu Stein hüpfen, vielleicht eine kleine Imitation.

      Hach, ich hatte ein bisschen Angst, weil ich gerade vegan lebe, aber ich hatte schon drei verschiedene Pizzen mit viel Käse, funktioniert also trotzdem. „VodBull“ war 1,50, nicht lecker, ich hab dann auf nur Vodka umgeschwenkt, um möglichst effektiv betrunken zu werden. Hat eher mäßig geklappt. Trinken ist nicht meins.
      Oh ja, zur Not reiße ich das Schild runter und fahre nach Hause. Klappt schon.

      Wellies und lid. Gummistiefel sind essentiell in England, ich hab mir jetzt so ganz flauschig warme GoreTex-Stiefel geholt – ich dachte, die kann ich später mal beim WWOOFen tragen, aber ich wette, nach einem Jahr in diesem Wetter sind die durch, ich trage die bestimmt bis in den Mai.
      Und Deckel … beim Kochen? Every pot finds a lid. Sprichwörter übersetzen ist eh immer super.

      Alles Liebe und bis bald! :)

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